Bericht 23.6.2005

Das Beste gleich voraus: Eben hat ein Treffen zwischen Antonio Ognio von der peruanischen Linux User Group und Elmer Romero, Informatik-Koordinator, stattgefunden, an dem einerseits der komplett mit Open Source Software revidierte Lehrplan besprochen wurde und andererseits sogar noch Zusammenarbeitsmöglichkeiten der Schule mit der Linux-Community besprochen wurden. Ich bin richtig begeistert! Die Community wird nächstens mehrere Vorträge zum Debian-Release Sarge machen, welches seit Anfangs Monat als "stabil" klassifiziert ist. Dafür sind sie noch intensiv am Suchen für einen Präsentations-Halle - und haben sie jetzt gefunden, das Auditorium des Diego Thomson! Ausserdem ist auch die Debian User Group interessiert an einem Lokal, in welchem sie sich regelmässig für Vorträge, Schulungen und Hackathons treffen können. Auch dafür sei das Diego offen, hat Elmer gemeint. Somit konnte eine meiner grössten Hoffnungen, welche ich in 3 Monaten Aufenthaltszeit als kaum erreichbar eingestuft hatte, wahr werden.

Ein weiterer Traum wurde ebenfalls realisiert: Wie erwähnt konnten wir den gesamten Lehrplan der 5-jährigen Computer-Ausbildung der Informatik-Schüler umkrämpeln und auf Freie Software abstimmen! Somit wird dank dem visionären Mut der Direktorin das Diego Thomson das erste LehrerInnen-Seminar in Peru - wenn nicht weltweit ;) - sein, welches ausser einem kleinen Windows-Grundkurs ausschliesslich Freie und Open Source Software (FOSS) unterrichtet. Folgende 3 Grundsätze habe ich mir bei der Definition der Themen vorgenommen:

1. Die SchülerInnen lernen die Bedienung der Betriebssysteme Linux und Windows.
2. Im Bereich Anwendungssoftware und Programmiersprachen wird ausschliesslich mit FOSS unterrichtet. Sie muss auf beiden Betriebssystemen ausgeführt werden können.
3. Neben dem Informatik-Unterricht und der Erstellung von Bildungssoftware sollen die SchülerInnen ausserdem ausgebildet werden, ein kleines Schulnetzwerk basierend auf Linux installieren und warten zu können.

Es bleibt nun nur noch zu hoffen, dass die angestrebten Änderungen im Lehrplan, z.B. die Umstellung von VisualBasic auf Python oder die vollständige Ersetzung von Microsoft Office durch OpenOffice.org, erfolgreich in die geplanten Lektionen umgesetzt werden können. Einerseits müssen sich die aktuellen Informatik-Lehrer tiefgreifend umschulen, andererseits sind einige Personalwechsel wohl unvermeidlich. Um den anfangs sehr skeptischen Informatik-Koordinator vom quasi totalen FOSS-Umstieg überzeugen zu können, habe ich mich einmal mehr an die sehr aktiven und äusserst hilfreichen FOSS-Communities in Lima gewandt um weitere Meinungen zu Detailfragen zu erhalten. Alle Fragen bezüglich geeigneter Programmiersprache wurden von zahlreichen Mitgliedern umfangreich beantwortet - sehr hilfreich für die Überzeugungsarbeit!

Auch sonst ist diese Woche äusserst erfreulich am ablaufen: Die intensiven Weiterbildungsabenden an jedem Tag dieser Woche für die Informatiklehrer sind äusserst erfolgreich am stattfinden. XUL und Squeak am Montag, Einführung in die Linux Text-Konsole von Linux am Dienstag, gestern erste Schritte mit Python, heute technische und didaktische Einführung in Moodle, morgen Fortsetzung der Python-Programmierung. Für jeden Abend konnte ich einen externen Experten gewinnen, die meisten von der Linux User Group, heute sogar einer vom Bildungsministerium.

Zuvor hatten wir letztes Wochenende damit verbracht, den Diego Thomson-Server NFS und NIS so zu konfigurieren, dass die Schüler sich im Computer-Raum mit ihrem eigenen Benutzername am Server authentifizieren können und gleichzeitig noch ihr home-Verzeichnis mit allen Daten und Programmeinstellungen vom Server an den lokalen Arbeitsplatz geladen wird. Da bis gestern alle zu funktionieren schien, haben wir wiedermal die angepasste LinEx-Installation auf alle Rechner repliziert. Leider gabs dann einen Server-Unterbruch und, vielleicht durch das ausgelöst, konnten anschliessend die Benutzer nicht mehr authentifiziert werden.

Als weitere Arbeit sind wir momentan noch am Umstellen eines Arbeitsraumes im Administrationsbereich der Schule, welcher neu als kleiner LehrerInnen-Computerarbeitsplatz gebraucht werden soll. Dafür konnten wir heute noch die letzten 1000 USD, welche bis jetzt vom Projektbudget übrigblieben, für Monitore (Second-Hand nur 65 USD für ein 17"-Modell!), Arbeitsspeicher, CD-ROM-Laufwerke und Switch ausgeben. Mal schauen, ob wir auf den alten Pentium III das LinEx zum Laufen bringen!